In Agtech braucht es Stiefel am Acker
Orange Silicon Valley (OSV), die Innovationssparte des französischen Betreibers im Bay Area, veröffentlichte den Agtech‑Report „Smart Growth: Technology Connecting Agriculture“.
„In den vergangenen Jahren erreichten Investitionen in Ag‑Food 6 Mrd. US‑Dollar. Eine Tiefenanalyse war fällig“, sagt Seibei, Leiterin des Berichts. „Also starteten wir ein Projekt zu nachhaltigen Lebensmitteln.“
Das Team untersuchte Erzeuger, die mit Technologie die Landwirtschaft verändern und die Vielfalt der Nahrungsmittel erhöhen. Über mehr als sechs Monate sprachen sie direkt auf dem Feld mit Landwirten und lernten, wie Endnutzer High‑Tech‑Produkte wirklich sehen.
Der Bericht liefert viele konkrete Lehren. Die wichtigste: Gründer müssen substanziell mit Landwirten sprechen, Bedürfnisse tief verstehen und dieses Feedback in die Produktgestaltung einfließen lassen.
„Aus meiner Produktentwicklungs‑Praxis weiß ich, warum Agtech oft am Landwirt vorbeigeht. Zu viele Produkte folgen dem Silicon‑Valley‑Muster: etwas Nutzbares bauen, an Distributoren geben, schnell iterieren. Dieses Tempo passt nicht zur landwirtschaftlichen Produktion.“
Auf dem Hof ist Zeit an die Jahreszeiten gebunden. Ein Schlag bringt oft eine Ernte pro Jahr. Da der Großteil des Einkommens daran hängt, scheuen Landwirte das Risiko neuer Sorten oder Betriebsmittel. Enttäuscht ein neues Bewässerungssystem oder Saatgut, ist der Wechsel schwierig. Anders als beim Smartphone, das man in Tagen ersetzt.
„Unternehmen, die die Realität der Landwirtschaft von Tag eins an verstehen und aus der Praxis heraus entwerfen, gewinnen Kunden — und passen zum Rhythmus der Landwirtschaft.“
Während sechs Monaten im Feld gab es unzählige Momente, die Seibei zeigten, warum Gründer und Investoren Stiefel brauchen und durch den Schlamm gehen müssen.
„Im März besuchten wir einen Geflügelhof bei Petaluma. Regenzeit, verstärkt durch El Niño — es regnete täglich. Im kalten Wind versanken die Stiefel in Schlamm und Mist. Für ein einziges scharfes Foto von Hühnern und Stall brauchte es Mühe; ich fürchtete, mein weißes iPhone 6 in den Matsch fallen zu lassen.“
An einem klaren Tag im Clachella‑Tal bei den Weinbergen musste nach jedem Foto in den Schatten gewechselt, die Sonnenbrille abgesetzt und der Fokus geprüft werden. Um zu verstehen, muss man vor Ort sein.
Landwirte verbringen kaum Zeit am Schreibtisch. Hardware muss draußen bestehen und selbst in abgelegenen Bergen und Wäldern stabil bleiben. Gründer sollten Produkte dem Regen, der Hitze und der Kälte aussetzen, damit sie echten Bedarf treffen.
Auch Software zählt: Interfaces müssen den realen Arbeitsabläufen entsprechen. Viele Befehle passieren mitten in der Arbeit; wenn ein Befehl zwingt, die Feldarbeit zu stoppen und durch Screens zu tippen, ist es ein schlechtes Produkt.
Und die Konnektivität: Netze auf dem Feld sind kein Büro‑WLAN; wackelige Verbindungen bleiben ein großes Hindernis der digitalen Landwirtschaft.
Der Bericht mahnt Investoren zur Geduld. Im Valley gelten 10× in fünf Jahren oft als Maßstab. In Agtech begrenzen Biologie und Jahreszeiten den Durchsatz; bis 10× dauert es meist länger.
Veröffentlicht am: 30. Dez. 2018 · Geändert am: 14. Jan. 2026